Der Musiker: Ein Sozialexperiment der Washington Post...

Veröffentlicht auf von Andreas Schaller

Washington D.C, U-Bahn-Station an einem kalten Januar-Morgen im Jahr 2007. Ein Mann mit Violine wird sechs Stücke von Bach spielen und dazu 45 Minuten benötigen. Während dieser Zeit werden etwa zweitausend Menschen an ihm vorbei gehen, durch die U-Bahn-Station, auf ihrem Weg zur Arbeit. Was wird geschehen?

Nach 3 Minuten nimmt ein Mann im mittleren Alter Notiz davon, dass ein Musiker spielt. Er verringert seine Geschwindigkeit und hält für ein paar Sekunden inne. Dann beschleunigt er wieder, um seinen Zeitplan einzuhalten.

4 Minuten später: Der Violinist erhält seinen ersten Dollar. Eine Frau wirft Geld in seinen Hut und, ohne zu Stoppen, läuft sie weiter.

6 Minuten später: Ein junger Mann lehnt sich an die Wand, um dem Musiker zuzuhören. Dann schaut er auf seine Uhr und geht weiter.

10 Minuten später: Ein Dreijähriger hält vor dem Musiker, aber seine Mutter macht Zeichen, dass er sich beeilen solle. Das Kind hält erneut, doch die Mutter stößt es unsanft, um weiter zu kommen. Das Kind geht zwar weiter, schaut sich jedoch permanent um. Dieses Schauspiel wiederholt sich bei mehreren Kindern. Alle Eltern, ohne Ausnahme, zwingen ihre Kinder schneller vorbei zu gehen.

45 Minuten später: Der Musiker spielte ohne Unterbrechung. Nur 6 Menschen hatten gehalten und für eine kurze Zeit zugehört. Etwa 20 Menschen gaben Geld, gingen aber unvermindert weiter. Der Mann sammelte insgesamt 32 Dollar.

1 Stunde später: Er beendet sein Spiel und verläßt den Platz. Niemand nimmt Notiz davon. Keiner applaudiert oder gibt eine andere Art der Anerkennung...

Niemand erkannte ihn, aber es war Joshua Bell, einer der bekanntesten Musiker der Welt. Er spielte einige der komplexesten Stücke, die je geschrieben wurden, auf einer Violine mit einem Wert von 3,5 Millionen Dollar. Zwei Tage zuvor spielte er vor einem ausverkauften Theater in Bosten, wo der Durchschnittspreis pro Platz 100 Dollar betrug.

Dies ist eine wahre Geschichte. Joshua Bell spielte incognito in einer Metro-Station, was die Washington Post als Sozialexperiment in Hinblick auf Wahrnehmung, Geschmack und Prioritätensetzung der Menschen organisierte.

Die folgenden Fragen wurden gestellt:
* Können wir an einem Alltagsort, während einer unangemessenen Zeit, Schönheit wahrnehmen?
* Werden wir anhalten, um sie zu genießen?
* Können wir Talent in einem unerwarteten Kontext erkennen?

Hier eine mögliche Schlussfolgerung:
Wenn wir nicht einen Moment Zeit haben, um einem der besten Musiker der Welt zu lauschen, der einige der berauschendsten Musikstücke spielt, die je komponiert wurden, und das auf einem der schönsten Instrumente, die je hergestellt wurden, was mögen wir dann noch alles verpassen?

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Veröffentlicht in Nachdenk-Tipps

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